contemplation: bikaner train station

zweiundzwanzigster april zweitausendundsechzehn. bahnhof, bikaner. die dämmerung zur nacht hat bereits eingesetzt. vielleicht ist sie auch schon vorbei. ein mann zieht vorüber und fässt ihr ins gesicht, welches in einem buch versunken ist. sie erschreckt, schaut hoch, ihm hinter her, verspätet entweicht ihrem mund ein zorniges “hey!” er bleibt stehen, dreht sich um zu ihr, und lacht. sie schaut umher, auf der suche, ob jemand etwas von dem mitbekommen hat. sie fängt den blick eines jungen mannes auf, traurig, aber aufmerksam. der mann, der ihr ins gesicht fasste, macht ein, zwei schritte, bückt sich und verschwindet aus ihrem blickfeld hinter einem betonpfeiler. sie richtet ihren blick wieder ins buch. liest ein paar zeilen. schaut hoch. beobachtet. schaut hinunter. liest ein paar zeilen. schaut wieder hoch. beobachtet. der mann, der hinter einem pfeiler verschwunden war, läuft mit einem hund in den armen vorbei. er hat ihm ein stück stoff als leine umgebunden. der hund bewegt sich nicht. scheint wie zu tode erstarrt. der mann mit dem hund ist vorüber und der junge mann mit dem traurigen, aufmerksamen blick steht vor ihr. blickt sie an.

“i´m sorry for this man, ma´am. i´m sorry.”

“it´s okay. thank you. it´s not your fault.”

” i´m really really sorry for this. he is drunken, ma´am. i´m sorry.”

während der junge mann bereits an ihr vorbei zieht, nuschelt sie noch ein dhanyavaad. ihr kommen die tränen. wie sie ihr auch kamen als sie alleine im dhaba aß. doch dieses mal schluckt sie sie hinunter. sie möchte nicht erneut die aufmerksamkeit der frau neben sich auf sich ziehen. zuvor verhinderte sie bereits ein gespräch mit den worten nahing samching. sie schaut wieder ins buch. das telefon klingelt. b. ruft an.

“hello!”

“hello.”

“is everything okay?”

“everything is okay.”

“did you eat something?” (the most important thing)

“yes. one chapatti. little rice.”

“eat some. it´s good for you.”

“i know. but i don´t like eating alone. but i did.”

“can you sleep?”

“not at the trainstation.”

ein zug fährt ein. sie verstehen einander nicht mehr.

” i will call you later again. or tomorrow morning. okay?”

“okay.”

der zug ist zum stillstand gekommen. ein schwer beladener mann verliert beim besteigen des zuges einen seiner latschen. zwischen zug und steig ist er auf die gleise gefallen. der mann und seine frau beraten, was zu tun sei, ruhig und verwundert. der mann mit dem hund ist wieder aufgetaucht und hat wind von dem verlorenem schuh bekommen, den hund hat er dafür nicht mehr bei sich. der mann ohne hund ist nun drauf und dran den schuh wieder zu holen und macht anstalten zwischen zug und steig hinunter aufs gleis zu klettern. der mann mit dem fehlendem schuh redet ihm zu, davon ab zu lassen;  scheitert. der mann ohne hund ist nun ein mann zwischen zug und steig und fischt nach dem schuh, erwischt ihn nicht. der mann ohne schuh wird immer aufgebrachter, doch der mann zwischen zug und steig bleibt wo er ist. der eine mann zieht nun den anderen mann gegen seinen willen wieder hoch. mehrere männer kommen hinzu und gemeinsam passen sie auf, dass der hilfsbereite betrunkene nicht erneut hinunter klettern wird. da ist nichts zu machen, der zugreisende hat einen seiner schlappen verloren. dem betrunkenen gibt er den zweiten, dieser wird anprobiert und behalten. der zug beginnt sich in bewegung zu setzen. der barfüßige mann springt auf. der zug verlässt den bahnhof. noch ist der lärm des in fahrt gekommenen zuges zu hören, klettert der beschenkte erneut hinunter vom steig aufs gleis um sich den verloren gegangenen schuh zu sichern. zack. hat er ein neues paar alter latschen. nur leider kommt er von allein nicht mehr hinauf. er ruft sich einen anderen herumstreunernden zur hilfe. der herbeigerufene hilft dem mann mit dem neuen paar alter latschen wieder hinauf auf den steig. der mann, dem geholfen wurde, kommt nun wieder auf die bank zu, wo sie sitzt. doch wendet er sich nicht an sie, sondern an die frau, die neben ihr sitzt, drei sitze weiter. sie auf einem, ihr rucksack auf dem nächsten, der nächste ist frei, der letzte wird besetzt von der frau, die ihr zuvor chips anbot, ihr fragen stellte, die sie nicht verstand und auch nicht verstehen wollte, die sie vielleicht hätte verstehen können, wenn sie gewollt hätte. der mann spricht sie an, sie antwortet widerwillig. er macht anstalten sich auf den freien platz neben sie zu setzen. er setzt sich, rückt näher an sie heran. sie rückt ab von ihm, soweit der sitz es ihr erlaubt ohne auf zu stehen. ihr stimme wird lauter. der mann, der dem mann auf dem sitz hinauf auf den steig half, eilt heran. alle drei reden durcheinander. der mann auf dem sitz bekommt eine menge böser blicke und worte ab, wird vom sitz gezogen. verscheucht. der mann, der ihm half und ihn dann verscheuchte, spricht mit der frau. ruhig und vertraut. er fässt ihren arm an. ganz normal. dann geht er wieder. die frau blickt sie, der zu beginn ins gesicht gefasst wurde, an, drei sitze weiter. spricht sie an. nahing samching. sie spricht weiter. mafi. ein langer blick begleitet vom schweigen, bis die frau am anderen ende der bank wieder zum boden, aufs gleis, auf die innenseiten ihrer augenlieder, ins schwarze, ins nichts schaut. der vertriebene kehrt zurück. kehrt zurück zu der frau am einem ende der bank. er spricht sie an, sie hebt die lider. ein schwall worte, abfällig und laut, entschlüpfen ihrem mund. er fässt sie an. der ihr vertraute mann kehrt ebenfalls zurück. verscheucht den ersten wiederkehrer, verscheucht ihn mit hilfe vom heran eilendem bahnhofssicherheitsmann. es klappt nicht auf anhieb. immer wieder versucht der vertriebene an den vertreibenden vorbei zurück auf den steig 1 des bahnhofes zu gelangen. drei, vier versuche scheitern. sein vorhaben scheitert und wird nicht mehr zu seinem vorhaben. der vertriebene verschwindet. der vertraute vertreibende kehrt zurück und setzt sich neben die frau, die ihm chips aus ihrer knallbunten chipstüte anbietet und sich darauf hin über sitz und seinen schoß zum liegen ausbreitet. er nahm das angebot der chips an. ein angebot kann man nicht ohne wortrangelei ablehnen. es wird ruhig neben ihr am anderen ende der siztbank. doch nicht für lang. der liegenden frau gefällt es nicht, dass der mann mit den chips sich zu ihr hinunter beugt um sie zu küssen. die liegende frau richtet sich zum sitzen auf, sitzt neben den mann, der versucht zu küssen. die fast geküsste frau greift mit ihren händen nach seinen händen; spricht leise aber eindringlich auf ihn ein. der mann versucht nicht mehr zu küssen, doch scheinen seine hände überall an ihrem körper zu sein. sie starrt das rangelnde, zappelnde pärchen an, dieses bemerkt plötzlich ihren blick und versteinert in seiner bewegung. ein moment des starrens und starrseins vergeht. das pärchen löst sich aus der bewegungslosigkeit und die rangelei beginnt wieder von vorne. das mädchen hält keine weiteren auseinandersetzungen mehr aus und das bedürfnis sich bei einer beedi von allem um sich herum ab zu schotten steigert sich ins unermessliche. sie schultert ihren rucksack und verlässt den steig 1. sie verschwindet aus der gleichen einfahrt wie es der vetriebene tat und gelangt auf den parkplatz des bahnhofes. sie schaut sich um, ob der vertriebene sich noch hier aufhält. ihn sichtet sie nicht, aber einige andere augen, die sich auf sie richten. sie zückt eine beedi, entzündet sie und bietet den augen noch mehr grund sich für minuten an sie zu heften. vah beedi pi rahi hai. jetzt raucht sie eine beedi. sie raucht sie nicht zu ende, drückt sie aus und betrtitt wieder den bahnhof. die bank auf der sie vorher saß ist nun voll und ganz von dem küssenden mann eingenommen worden. die frau, die die küsse und die finger, die sich an ihr zu schaffen machten, nicht mochte, ist nicht mehr zu sehen. die junge frau, die soeben wieder den bahnhof betreten hat, sucht die halle, die als wartehalle gekennzeichnet ist. findet. ein großer raum hell und kalt ausgeleuchtet. betonpfeiler halten die decke an denen vereinzelt ventilatoren sich drehen. eine stufe um die pfeiler dienen als sitzgelegenheiten, sonst gibt es nur ein paar wenige schwarze stuhlreihen an den wänden entlang. wo soll sie sich niederlassen ohne groß auf zu fallen? die sitzreihen sind alle belegt. ein paar der betonstufen sind noch frei. sie nimmt die am nächsten gelegene. menschen haben decken auf den boden ausgebreitet und liegen auf ihnen, schlafen und ruhen. mitten im raum liegen sie, immer dort wo über ihnen ein ventilator sich dreht. sie schaut sich um, ob sie noch einen ähnlichen platz findet, findet keinen. also nimmt sie ihre decken, breitet eine aus direkt neben den pfeiler, platziert den rucksack daneben wie einen kleinen sichtschutz, ihre bücher legt sie unter die decke als kopfkissen, legt sich  nieder und deckt sich  komplett von kopf bis fuß zu, wie es gang und gäbe ist; dass niemand auf den ersten blick ihr blondes haar, ihre helle haut erblickt. da liegt sie nun des nachts im bahnhof auf dem boden, zugedeckt von kopf bis fuß, niedergelegt wie die anderen wartenden reisenden. nur sie ist allein. so schläft sie ein mit dem geruch der so eben aus turnschuhen befreiten füße der jungs neben ihr. sie tragen socken und feste schuhe bei dieser hitze und schlafen auf dem boden wie sie und alle anderen. in der öffentlichkeit auf dem boden schlafen tun hier die meisten, welch ein schuhwerk mensch trägt, sagt viel mehr über soziale stellung und finanzielle lage aus.


 

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